Inklusion in der Schule – eine unverzichtbare Herausforderung

Was bedeutet Inklusion überhaupt genau und warum ist sie für die Schule unverzichtbar?

Ich habe als Schulleiterin eine inklusive Ganztagesschule aufgebaut und berichte in diesem Blogpost über meine Erfahrungen zur Inklusion.

Was ist Inklusion überhaupt?

Inklusion bedeutet, dass jeder Einzelne das Recht hat zur Gemeinschaft aller zugehören.

Es ist gut, normal und bereichernd verschieden zu sein.

Verschieden auszusehen, verschieden zu sprechen, verschiedenes zu können, verschiedenes zu mögen und sich unterschiedlich zu verhalten.

Inklusive Pädagogik

Inklusive Pädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, dessen wesentliches Prinzip die Wertschätzung und Anerkennung von Diversität in Bildung und Erziehung ist.

Das Recht auf Inklusion

Und Inklusion ist ein Recht, das die UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben hat. Deutschland hat diese Konvention unterschrieben und sich folglich dazu verpflichtet, behinderten Menschen Selbstbestimmung, Teilhabe und Gleichstellung zu gewähren.

Für die Schule bedeutet das, dass ein Kind mit Behinderung auf die allgemeine Schule gehen darf. Dass es durch die Behinderung nicht ausgeschlossen wird.

Dass alle Kinder zusammen lernen und die Diversität, das Verschiedensein die Normalität ist.

Wann ist es gelungen, dass alle Kinder zusammen leben und lernen?

Es ist gelungen, wenn die Neugierde den anderen kennen zu lernen, die Irritation über das Anderssein schlägt.

Es ist gelungen, wenn die Kinder sich freuen über die andere Sichtweise, weil sie die Bereicherung für ihr Leben spüren.

Es ist gelungen, wenn Kinder ihren Eltern erklären, was die Behinderung des neuen Kindes in der Lerngruppe ist, weil diese zu kennen zur Vorstellung des anderen dazugehört und zwar wertfrei.

Es ist gelungen, wenn Kinder sagen dürfen, dass sie die Behinderung doof finden.

Es ist gelungen, wenn wir dankbar für die Gemeinschaft sind und jeder wichtig ist.

Es ist gelungen, wenn nicht mehr die Behinderung, sondern der Mensch wichtig ist.

Es ist gelungen, wenn Eltern behinderter Kinder sich nicht wie Außerirdische fühlen, sondern genauso zur Schulgemeinschaft gehören, wie alle anderen auch.

Es ist gelungen, wenn die Freude des Zusammenseins die Angst vor dem „lernt mein Kind genug“ überflügelt.

Es ist gelungen, wenn uns die Behinderung gar nicht mehr auffällt, weil Verschiedensein tatsächlich normal für uns ist.

Grundlagen und Rahmenbedingungen

Damit diese Vision wahr wird, braucht es einige Grundlagen und Randbedingungen in der Schule.

Ich selbst habe eine inklusive Ganztagesschule, die nach den Prinzipien von Maria Montessori arbeitet aufgebaut und möchte erzählen, was mich diese Erfahrung gelehrt hat zum Thema Inklusion.

Eine Montessori-Schule muss nach meiner Meinung inklusiv arbeiten, das legt schon ihr Selbstverständnis fest.

„Der Weg, auf dem die Schwachen sich Stärken, ist der gleiche wie der, auf dem die Starken sich vervollkommnen.“

DAS Zitat von Dr Maria Montessori zum Thema Inklusion.

Zentrale Werte

Die Werte Akzeptanz, Wertschätzung, Respekt, Toleranz und Entwicklung sind zentral. Diese Werte sind die Grundlage für inklusive Pädagogik.

Die Pädagog*innen haben diese Werte verinnerlicht und leben nach ihnen. Oft sind sie der Grund, warum sie sich gegen die Arbeit an einer staatlichen Schule entschieden haben.

So viel zur Theorie.

Der Teamprozess

In der Praxis habe ich erlebt, dass es sehr wichtig ist einen Teamprozess zu gestalten, indem sich die Pädagog*innen bewusst dafür entscheiden den Weg der inklusiven Beschulung zu gehen.

Dieser Prozess der aktiven Umgestaltung einer Montessori-Schule in eine inklusive Montessori-Schule dauert, da er eine Teamentwicklung umfasst.

Es sollte sich ein stabiles Team bilden, das das Ziel der Inklusion mit vollem Herzen bejaht.

Erst dann kann die Schule sich inklusive Schule nennen.

Die Werte der inklusiven Pädagogik sind bei jedem einzelnen Teammitglied verinnerlicht und optimalerweise wird diese Arbeit als Bereicherung erlebt. An meiner Schule hat das ca. fünf Jahre gedauert.

Welche Grundsätze sind elementar für die inklusive Pädagogik?

Eine Montessori-Schule arbeitet ohne Noten und in der Altersmischung. Jedes Kind lernt auf dem Niveau, auf dem es gerade ist. Lernen passiert bewegungsorientiert und vom Konkreten zum Abstrakten.

Jeder einzelne dieser Punkte ist elementar für das Gelingen einer inklusiven Pädagogik.

Wenn wir davon ausgehen, dass jedes Kind bezogen auf Lerntempo, Lernzeitpunkt und Lernmaterial unterschiedliches brauchen, dann richten wir die Lernumgebung so ein, dass es viele verschiedene Angebote gibt. Das ist ganz selbstverständlich. Das kommt der inklusiven Pädagogik entgegen.

Vielleicht braucht ein Kind mit einer speziellen Behinderung, zum Beispiel einer Sehbehinderung weiteres Material, das auf die Bedürfnisse dieses Kindes zugeschnitten ist.

Bitte keine Sonderstellung

Doch die Grundhaltung, dass verschiedene Kinder verschiedenes Material brauchen, ist bereits vorhanden. Damit ist der Boden bereits vorbereitet und die „Sonderstellung“ des behinderten Kindes, von der wir ja nach und nach wegwollen, entsteht erst gar nicht. Das ist richtig gut und wichtig.

Spannend ist auch, dass das „spezielle Material“ im Alltag gerne von vielen Kindern benutzt wird und auch deren Lernen prima unterstützt.

Inklusion als echte Bereicherung!

Ohne das behinderte Kind wäre wir gar nicht auf diese Idee gekommen! Wie wunderbar! Wie bereichernd.

Ich habe auch erlebt, dass zum Beispiel die Gebärden, die für ein nichtsprechendes Kind an die Lerngruppenwände gehängt wurden von vielen Kindern hilfreich gefunden wurden und auch von ihnen benutzt wurden. Ganz losgelöst vom nichtsprechenden Kind hingen diese noch im Raum, als das Kind schon in einer höheren Lerngruppe war oder die Schule verlassen hatte.

Wie schafft man es aus einem pädagogischen Team ein inklusiv denkendes pädagogisches Team zu machen?

Der Weg: Klare Erwartungen

Zuallererst mit klaren Erwartungen. Das reicht aber noch lange nicht aus. Es handelt sich ja um einen inneren Prozess der Haltungsänderung und dieser kann nur von den Pädagog*innen selbst vollzogen werden.

Der weitere Weg: Verständnis und Geduld

Ich habe gute Erfahrungen gemacht mit Verständnis und Geduld.

In der Lehrerausbildung werden die Hürden zwischen der allgemeinen Pädagogik und der Sonderpädagogik hoch aufgebaut. Natürlich denken Pädagoginnen, die in der Regelpädagogik ausgebildet sind, dass sie ganz besondere Fähigkeiten, die sie noch nicht mal kennen, nicht haben, um behinderte Kinder kompetent zu unterrichten. Um diese Hürden etwas abzubauen, hilft es sich Zeit für die Fragen der Kolleginnen zu nehmen und regelmäßig Sonderpädagog*innen der entsprechenden Fachrichtung an die Schule zu holen.

Womit ich auch sehr gute Erfahrungen gemacht habe, ist mit dem Besuch der Sondereinrichtung, in die das Kind gegangen wäre, wenn wir es nicht hätten aufnehmen können.

Das zeigt, dass auch hier „nur mit Wasser gekocht wird“.

Außerdem war es mir wichtig, als Schulleiterin die Inklusion nicht zu verordnen.

Ich machte klar, dass das der Weg der Schule sein würde.

Das war nicht verhandelbar, aber gleichzeitig verfolgte ich das Prinzip der Freiwilligkeit.

Keine Lehrkraft sollte in die Situation kommen, dass sie ein Kind aufnehmen musste und sich dafür nicht bereit oder fähig fühlte. Jeder sollte seine Zeit bekommen in die neue Aufgabe hinein zu wachsen.

Außerdem stärkte ich das Selbstvertrauen der Kolleg*innen durch einfühlsame Gespräche und positives und konstruktives Feedback.

Es sollte ein Prozess angeregt werden, den nur jeder Mensch selbst für sich gehen kann:

Sich innerlich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass ich meine Kompetenz erweitern kann, es nicht alleine schaffen muss und das Spektrum der verschiedenen Voraussetzungen der Kinder in der Lerngruppe breiter werden darf.

Das war nötig und das ist keine einfache Sache, die eben schnell mal so zu machen ist. Es braucht Zeit.

Das Team trug und stützte sich in diesem Prozess gegenseitig, wie ein Netz hielt man sich. Das setzte ein Gefühl des „Zusammen-schaffen-wir-das“ frei.

Gleichzeitig veränderte sich die Perspektive der Pädagoginnen in dem Moment, in dem sie das Kind kennen lernten. Denn es ist ja einfach ein Kind. Lebendig, liebenswert, besonders. Wie jedes andere Kind auch. Und dieser Perspektivenwechseln faszinierte mich immer wieder und außerdem passierte ein weiteres, interessantes Phänomen. Um meiner Aufgabe als Schulleiterin zu entsprechen, musste ich ab dem dritten Jahr der Inklusion darauf achten, dass wir nicht zu viele Kinder einluden, denn die Kolleginnen wollten diese Kinder dann auch aufnehmen, wenn sie sie erst mal kennen gelernt hatten.

Das freute mich natürlich sehr und jeder, der mit geschärften Sinnen eine Freiarbeit beobachtet einer Kindergruppe, die gewollt heterogen zusammengesetzt ist, kennt diesen besonderen Zauber, der nur durch die Mischung entstehen kann.

Außerdem umgibt gerade die Kinder mit den besonderen Bedürfnissen etwas, das ich nicht näher benennen kann (und will) und das eine echte Bereicherung für alle Menschen in ihrer Umgebung ist.

Das multiprofessionelle Team

Das pädagogische Team wurde durch die hinzukommenden Schulbgleiter*innen vielfältiger  und multiprofessioner. Eine Bereicherung.

Der Weg war nicht immer leicht, das möchte ich nicht verschweigen.

Ich erinnere mich an konfliktgeladene Teamsitzungen.

Heute weiß ich, dass es die Angst vor der Überforderung, vor dem Scheitern war.

Ich stand in der Schule für eine neue Herausforderung und es wurde immer klarer, dass diese nicht auszusitzen war. Ich bemühte mich immer diese Situationen nicht persönlich zu nehmen, denn ich stand ja nur für dieses Thema. Dies war nicht immer leicht und ich hätte es mir und allen durch ein oder zwei klare Kommunikationsprinzipien sehr viel leichter machen können. Durch die Erfahrung und meine intensive Reflektion unseres Weges wurde mir das nach und nach klar.

Für Schulen, die sich auf den Weg in die Inklusion machen wollen, begleite ich heute diesen Prozess sehr gerne als externe Beraterin. Es sind äußere und innere Prozesse nötig, die serh gut von außen angeleitet werden können. Das macht den Prozess oft erst möglich. Außerdem wird er mit Begleitung immer leichter, schneller und nachhaltiger.

Wir erarbeiten ein passgenaues Konzept und eine transparente Kommunikation auf allen Ebenen und ich erspare den Schulen manchen Umweg, den ich selbst gegangen bin.

Sandra Schumacher

Wunder. Fliegen- Weiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.